Aus der BackstubeHinter den Kulissen

Wenn Michelsneukirchen noch schläft.

Gerhard BlabBäckermeister & Inhaber · 20. Juli 2026 · 7 Min. Lesezeit

Der Wecker klingelt um 1:00 Uhr. Kein Mensch braucht um diese Zeit einen Wecker, sagen manche. Ich sage: Um diese Zeit beginnt der beste Teil des Tages. Man muss nur wach genug sein, ihn zu sehen. Draußen ist Michelsneukirchen schwarz und still. Kein Auto, kein Licht in den Fenstern, nur Reif auf den Autoscheiben und mein eigener Atem in der kalten Luft. Ich sperre die Backstube auf, und der Schlüssel dreht sich mit diesem vertrauten kleinen Widerstand, den ich seit Jahren in den Fingern habe.

Was dann kommt, bekommt kaum jemand mit. Und genau davon will ich dir erzählen. Von einem ganz normalen Arbeitstag, der lange vor deinem beginnt.

01:20

Die Stille gehört mir

Eine Backstube riecht nachts anders. Nach kaltem Mehl, nach Holz, ein bisschen nach gestern. Ich mache das Licht an, und für einen Moment gehört der Raum mir allein. Die Kessel stehen sauber da, die Bleche gestapelt, alles wartet. Dann ziehe ich die Schürze über, wasche mir die Hände, und der erste Handgriff ist jeden Tag derselbe: Ich hebe das Tuch vom Sauerteig und schaue nach, was er über Nacht gemacht hat.

In diesen ersten Minuten läuft kein Radio. Nur das leise Brummen der Kühlung und meine Schritte auf dem Steinboden. Ich mag diese halbe Stunde, in der noch niemand etwas von mir will. Kein Telefon, keine Bestellung, kein Termin. Nur ich, der Teig und ein Tag, der noch ganz frisch ist.

01:45

Der Sauerteig hatte Nachtschicht

Während du geschlafen hast, hat er gearbeitet. Still, langsam und gründlich, so wie gute Arbeit eben ist. Im Handwerk nennen wir das lange Teigführung: Zeit statt Zusatzstoffe. Ich gebe ihm frisches Mehl und Wasser, rühre ihn an und rieche daran. Ein guter Sauerteig riecht mild säuerlich, ein bisschen nach Apfel, nie stechend. Wenn er so riecht, weiß ich schon: Heute wird ein gutes Brot.

Der Teig hat keine Uhr. Er ist fertig, wenn er fertig ist.

Das klingt nach Sturheit, ist aber das Gegenteil: Es ist Respekt. Vor dem Produkt, vor dem Korn und vor den Leuten, die es nachher essen. Natürlich kann man Brot auch in zwei Stunden machen. Aber du schmeckst jede Minute, die man ihm nicht gegönnt hat. Bei uns darf der Teig reifen, so lange er braucht, und deshalb liegt er nachher auch leichter im Magen. Das ist kein Marketing. Das ist einfach Zeit, die man schmeckt.

02:45

Hände statt Maschinen

Jetzt wird es körperlich. Teig teilen, wirken, formen: Semmeln, Weckerl, Laibe. Die Handgriffe sind älter als jede Maschine in diesem Raum, und die meisten davon macht man mit geschlossenen Augen. Nicht weil man müde ist, sondern weil die Hände längst wissen, was zu tun ist. Ein Stück Teig, ein Dreh, ein Druck, und schon liegt eine Semmel im Blech, gleichmäßig wie die daneben.

Brezen schlingen ist ein eigenes Kapitel. Ein Schwung aus dem Handgelenk, den dir keine Anleitung der Welt beibringt. Den lernst du nur mit tausend Brezen. Und ungefähr bei der tausendsten merkst du: Deine Hände denken schneller als du. Bei uns gibt es keine Aufbackware, keine Teiglinge aus der Tüte, nichts, was irgendwo anders vorgefertigt wurde. Was morgens im Laden liegt, ist in dieser Nacht durch diese Hände gegangen.

Bäcker schlingt eine Breze von Hand in der Backstube der Bäckerei Blab
Von Hand geschlungen. Brezen macht bei uns niemand mit der Maschine.
03:45

Feuer

Der Holzofen ist der eigentliche Chef in diesem Raum. Er hat seine Launen, seine Lieblingstemperatur, seinen eigenen Kopf. Man kann ihn nicht überlisten, man muss ihn kennen. Ich schiebe das erste Holzofenbrot ein, und für einen Moment wird es still in der Backstube. Das ist der Augenblick, für den man diesen Beruf lernt.

Man riecht es, bevor man es sieht: das erste Brot des Tages.

Der Duft von frischem Brot zieht durch das ganze Haus. Außen knusprig, innen weich. Das ist bei uns keine Werbezeile, das ist Physik aus Feuer, Zeit und gutem Teig. Wenn ich auf die Kruste klopfe und sie hohl klingt, weiß ich, dass es passt. Dann kommt das nächste Blech, und das nächste, bis die Regale voll sind.

04:30

Aus der Stille wird ein Betrieb

Nach und nach füllt sich das Haus. Die Konditorei legt los, im Laden klappern die Körbe, jemand richtet die Theke her, irgendwo läuft die erste Kaffeemaschine. Aus meiner stillen Backstube wird ein Familienbetrieb mit kurzen Wegen. Hier ruft niemand über drei Abteilungen hinweg. Man steht nebeneinander und hilft sich, wenn's pressiert.

Die Verkäuferinnen schlichten die frische Ware ein, noch warm, in Reih und Glied: Semmeln, Weckerl, Brezen, die Laibe nach hinten, das Kleingebäck nach vorn. Kurz vor fünf ist alles bereit. Und dann, jeden Morgen dasselbe kleine Wunder: Der Laden riecht schon nach allem, was gleich verkauft wird.

05:00

Die ersten am Tresen

Punkt fünf passiert zweierlei auf einmal: Vorne sperren wir den Laden auf, und hinterm Haus fahren die beiden Lieferwägen mit frischer Ware raus, zu den Kunden und Läden, die wir jeden Morgen beliefern. Während der Laden also gerade erst aufmacht, ist ein Teil des Tagwerks schon unterwegs.

Die Ersten, die jetzt hereinkommen, haben ganz unterschiedliche Nächte hinter sich. Manche kommen von der Nachtschicht und holen sich vor dem Schlafengehen noch etwas Warmes. Andere sind auf dem Weg in die Arbeit: Pendler Richtung Regensburg oder Cham, Handwerker vor der ersten Baustelle. Zwei Semmeln, eine Breze, ein halbes Holzofenbrot, das manchmal noch ein bisschen dampft. Ganz ehrlich? Für diese ersten Griffe in die Theke stehe ich um eins auf.

Viel geredet wird um diese Uhrzeit nicht. Ein kurzer Gruß, ein Nicken, und in den Laden mischt sich langsam der Duft von frischem Kaffee zwischen die warmen Brote. Jeder dieser frühen Einkäufe ist ein kleines Lob für eine Nacht, die keiner gesehen hat.

07:15

Wenn das Dorf aufwacht

Zwischen Viertel nach sieben und Viertel vor acht wird es richtig lebhaft. Die Schulkinder holen sich schnell ihr Weckerl, bevor der Bus kommt, vorne klingelt fast ununterbrochen die Kasse, und in der Backstube läuft schon die zweite Runde. Denn was am Vormittag verkauft wird, backen wir nicht auf Vorrat von gestern, sondern frisch nach. Deshalb duftet es bei uns den ganzen Vormittag, nicht nur in aller Früh.

Zwischendurch ein Blick zur Konditorei: Torten werden gefüllt, Sahne aufgeschlagen, im Winter ziehen die Plätzchen durchs Haus, im Frühjahr das Osterbrot. Wir passen uns den Jahreszeiten an, weil die besten Zutaten nun mal ihre Zeit haben. Vollreife Früchte schmeckt man. Und man schmeckt eben auch, wenn welche fehlen.

12:30

Feierabend, wenn andere Mittag machen

Die Arme sind schwer, das Shirt ist mehlig, und auf dem Heimweg begegne ich Leuten, die gerade in die Mittagspause gehen. Ich habe dann schon einen ganzen Arbeitstag hinter mir. Das Beste daran: Ich kann ihn sehen. Er liegt in den Regalen, er duftet durchs halbe Dorf, und morgen früh um eins fängt er wieder von vorne an.

Bäcker ist kein Beruf, in dem man reich an Schlaf wird. Aber es gibt wenige Berufe, in denen du jeden Mittag sehen, riechen und anfassen kannst, was du geleistet hast. In unserem Haus wird seit 170 Jahren gebacken. Und trotzdem fangen wir jeden Morgen bei null an, mit Mehl, Wasser, Salz und Zeit.

Wenn du mich fragst, wie sich das anfühlt? Brotal guad.